abseitiges

2012/08/17

Nachtigallen der Revolution

Wut gegen Unterdrückung, Korruption und Folter ist die treibende Kraft der arabischen Revolutionen. Musik ist ihr Katalysator. In dieser Woche singt eine Stimme der Freiheit, Emel Mathlouthi, in Hannover.

Emel Mathlouthis Stimme hebt sich zum Refrain in die Höhe. „Ana hurra wa kelmti horra!“ – „Ich bin frei und mein Wort ist frei“, singt sie sehnsuchtsschwer. Mit ihrer Gitarre in der Hand und in den Haaren eine Spange, die ihre lockige Mähne bändigt, steht sie auf einer Bühne in Frankreich. Hierhin musste sie fliehen, nachdem das tunesische Regime ihr Leben bedroht und ihren Bruder eingesperrt hatte. Die „Stimme der Freiheit“ lässt sie sich gerne nennen. Mathlouthi ist eine von unzähligen jungen Musikern, die den Soundtrack des „Arabischen Frühlings“ geschrieben haben.

Wenn man das Blumenkind Mathlouthi auf der Bühne sieht, fragt man sich: Was kann ein Lied schon bewirken? Es kann keine Panzer zerschmettern, kann keine Blockaden durchbrechen. Dennoch gehen die stürzenden und gestürzten arabischen Regime mit großer Gewalt gegen diejenigen vor, die sich ihnen mit ihren klingenden Waffen entgegen stellen. In Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien und im Jemen wurden Musiker verhaftet, Sänger grausam ermordet und ihre Lieder – soweit möglich – verbannt.

Am Morgen des 4. Juli 2011 machten die Menschen aus Hama in Syrien einen grausigen Fund. Aus den Strömen des Flusses Nahr al-Asi zogen sie die misshandelte Leiche eines jungen Zementmischers. Seine Mörder hatten Ibrahim al-Qashoush die Kehle aufgeschnitten und seine Stimmbänder herausgerissen – so erzählt es die Volkslegende. Der Mord war ein Akt mit großer Symbolkraft, denn noch eine Woche zuvor hatte der 23-Jährige die Massen in Hama angefeuert – mit der Revolutionshymne „Yalla irhal ya Bashar“, zu deutsch „Los hau ab, oh Bashar!“. Das YouTube-Video der Demonstration wurde zehntausendemal geklickt. Vielleicht war das al-Qashoushs Todesurteil, den man seit seinem Tod „Nachtigall der Revolution“ nennt.

Nicht anders erging es Musikern in Tunesien, Libyen und Ägypten zu Beginn der Revolutionen. In Tunesien wurde der Rapper Hamada Ben-Amor, besser bekannt als „El Général“, tagelang verschleppt, gefoltert und verhört. Auf dem Tahrir-Platz wurde Revolutionstroubadour Ramy Essam mehrmals von regimetreuen Schlägern verprügelt und mit Elektroschocks malträtiert. Sogar ins Ausland reichen die Drohgebärden der Regime. Anfang des Jahres griff der syrische Komponist und Pianist Malek Jandali die Qashoush-Hymne auf und komponierte um die eingängige Melodie seine „Freedom Qashoush Symphony“. Seit er das Stück erstmals bei Protesten in Washington gespielt hat, bekommt er nicht nur regelmäßig Drohungen. Kurz nach dem ersten Auftritt wurden seine Eltern in ihrer Heimatstadt Homs zusammengeschlagen.

Wie wichtig die Musik in den arabischen Protestbewegungen ist, beweist der tunesische Rapper El Général. Er hat es in die Times-Magazine-Liste der 100 mächtigsten Personen des Jahres 2011 geschafft – neben Kim Yong Un, Angela Merkel und Mark Zuckerberg. „Rais lebled“ ist der Song, der den Rapper zur Stimme der tunesischen Revolution machte. Der Titel, eine Anspielung auf den despotischen Staatschef – auf tunesisch „Rais el-bled“ –, prangert die Korruption und Armut in dem nordafrikanischen Land an und erschien passenderweise zu Ben Alis 23. Regierungsjubiläum. Da Rap in Tunesien verboten war, veröffentliche der Pharmaziestudent Ben-Amor seinen Song auf Facebook – und wurde über Nacht berühmt. Als ihm das Regime auf die Schliche kam, war es schon zu spät für ein Verbot.

Protestmusik hat es immer gegeben, auch im arabischen Raum. 1988 formierte sich eine musikalische Bewegung in Algerien, nachdem die Bevölkerung zunehmend unter Hunger, die Jugend unter Perspektivlosigkeit litt. Die Musik der „Brotunruhen“ war der Raï – auch er wurde verboten, seine Interpreten verfolgt. Schon damals hatte sich das Bild des Islams zu wandeln begonnen. Noch deutlicher wird das in der Protestmusik des „Arabischen Frühlings“. „Allah hat uns den Rap gegeben, damit wir uns von Unrecht befreien können“, sagt El Général. Der demütige und duldsame Muselmane ist verschwunden. Die Frage, ob man gegen einen ungerechten Herrscher revoltieren darf – eine Frage, über die sich islamische Gelehrte Jahrhunderte lang den Kopf zerbrochen haben – ist innerhalb eines Jahres weggewischt worden. Revolte und Islam müssen kein Gegensatz mehr sein, und Demokratie gehört nicht mehr nur in den Westen.

60 Prozent der arabischen Bevölkerung sind noch keine 30 Jahre alt. Das allein ist Grund genug für die Popularität der Protestsongs. Ein weiterer Grund sticht heraus: Rapper, Singer-Songwriter, arabischer Pop und Elektro – die Stile, in denen sich die revolutionäre Jugend ausdrückt, sind vielfältig. Alle Lieder werden im Dialekt des jeweiligen Landes gesungen. Viele greifen auf traditionelle Instrumente und Musikstile zurück, die tief im kulturellen Gedächtnis der Region verankert sind. So entsteht Identifikation und Bindung.

Das Internet macht die Produktion und Veröffentlichung von Musik dabei leichter und schneller. Das palästinensisch-tunesische Elektrokollektiv Checkpoint 303 arbeitet selten gemeinsam an einem Ort. Während SC Yosh in Bethlehem den Beat kreiert, spielt SC Mocha in Frankreich die Phrasen auf der traditionellen Oud ein. Virtuell fügen sie die Soundfragmente zu einem Musikmosaik zusammen. Ihre Songs kann jeder herunterladen. „Das digitale Teilen von Musik ist im Nahen Osten deutlich etablierter als in Europa“, sagt SC Mocha. „Copyright-Gesetze sind größtenteils nicht vorhanden.“

Jetzt, da die Zensursysteme größtenteils außer Kraft gesetzt sind, ist in Ägypten und Tunesien viel Raum für neue Musik entstanden. In diese Lücke drängen junge Künstler: tunesische Rapper, ägyptische Metallbands, palästinensische Elektromusiker. International sind ihre Stimmen gefragt wie nie. Checkpoint 303 hat bereits 2007 als Vorband von Massive Attack gespielt. Dennoch warnen die Musiker davor, die Herkunft der Künstler überzubewerten und nicht auf den künstlerischen Gehalt zu achten. „Wir dürfen aus Musikern keine Botschafter machen“, sagt SC Mocha. Denn nicht nur in der Politik, auch in der Musik lassen die Menschen ihre Entwürfe von Gesellschaft zu Wort kommen. Und die sind nicht immer so liberal, wie ihre Musik klingen mag. Gesponsert vom saudischen Label Awakening Records werden derzeit in Ägypten dezidiert islamische Musiker gefördert. Und auch in fast jedem der Rapsongs von El Général erklingt „Allahu Akbar“, „Gott ist groß“ – zusammen mit antiisraelischen und antiamerikanischen Parolen.

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